Einführung


Wie funktioniert ein Gemälde? Wie funktioniert das Objekt 'Malerei'? Wie funktioniert dessen Herstellung und dessen Wahrnehmung? Was zeigt ein Gemälde oder was bildet es ab? Was gibt es zu sehen? Wie wirkt es auf seine Umgebung ein? Welches sind die Aspekte, die dem Gemälde eigen und seine Bedingung sind?

Ein Gemälde ist eine banale Form, ist eine Fläche, die Pigmente und andere Materialien trägt. Das Gemälde ist ein Ort der Farbe. Ein Gemälde kann heute selbstverständlich weder eine idealistisch-reproduktive Abbildung der Welt sein, noch kann es sich damit begnügen, nur eine visuelle Ordnung vorzuschlagen, ein Konzept oder ein Herstellungsverfahren. Auch das Zeitalter der Zerstörungen und der Non-Intentionalität ist vorüber. Es gibt keine Illusion, bloss Ordnung; eine nicht-räumliche aber kompositorische und materielle Ordnung. Ein Gemälde ist ein visuelles Objekt, das auf unsere Wahrnehmung einwirkt und sie beeinflusst. Dadurch macht es unseren Blick auf unsere eigenen Wahrnehmungsmechanismen aufmerksam. Der Raum verändert den Menschen und das Gemälde verändert die Wahrnehmung des Menschen. Der Künstler ist nicht mehr ein mysteriöses Kreationsgenie, sondern wirkt als Wahrnehmungsspezialist. Er sensibilisiert und lenkt die Wahrnehmung des Betrachters, leitet seinen Blick hinter die Erscheinung der Dinge. Sein Werkzeug ist die Meisterung der ästhetischen Qualitäten.

Ästhetische und wahrnehmungsphilosophische Fragen dazu, was Malerei nach Stella, Ryman, Lüpertz und vor allem nach Arnulf Rainer und nach Gerhard Richter sein kann, dominieren in meiner künstlerischen Arbeit. Ich verstehe Malerei als Bild und Prozess, die meiner Epoche eigen sind. Malerei als Möglichkeit, unsere urbane Konsumgesellschaft zu denken. Die Arbeit des Bilderschöpfers ist das Hervorbringen eines aktuellen Menschenbildes, des Menschenbildes seiner Zeit. Beschreibende Darstellung, Illusionismus, Idealismus der Abstraktion und Symbolismus können als Werkzeuge nicht mehr dienen.
Ich versuche mit zeitgemässen visuellen Mitteln Präsenz und Schönheit zu schaffen. Man findet in meinem Werk weder Beschreibung noch Handlung, weder Ablauf noch "Illustration". Man findet Zustände.


Meine Arbeit geht aus von einer Beobachtung des Menschen mit seinen inneren und äusseren Konflikten, der Mensch in seiner städtischen Umgebung und seinem sozialen Umfeld, der Mensch mit seinen Gewohnheiten und Ritualen, mit seiner gesellschaftlichen, individuellen, kulturellen, künstlerischen und ästhetischen Geschichte.

Ich arbeite in Form von Zyklen, oftmals Werkgruppen von Polyptychen (zwei-, drei-, vier- oder siebenteilige Gemälde). Es handelt sich um eine bruchstückhafte, unterbrochene, mangelhafte Wahrnehmung, die in diesem Werk inszeniert wird.


Ursprünge
Mein Werk entsteht aus Traditionen heraus, die dem Spätmittelalter des süddeutschen Raumes, allen voran Konrad Witz, Hans Baldung Grien, Lucas Cranach, Niklaus Manuel Deutsch und Matthias Grünewald, sowie dem deutschen Expressionismus des 20. Jahrhunderts verpflichtet ist. Auf die Gegebenheiten und Notwendigkeiten des beginnenden 21. Jahrhunderts antwortend, hat sich eine Art sterilisiertes Menschenbild, ein "keimfreier Expressionismus" herauskristallisiert. Die Fragen der analytischen Malerei (v.a. Richter und Polke), sowie der expressiven Strömungen der 60er- bis 80er Jahre spielen dabei eine wichtige Rolle.

Entschleunigte Wahrnehmung
Ich wende mich gegen eine Kunst des Spektakulären und Sensationellen, gegen eine Kunst der Oberflächlichkeit und des Trends, gegen eine Kunst, die sich bloss überraschend, unerwartet und lustig gibt, die in barocker Art zwischen sensationnellem Kuriosum und den Traditionen der Avantgarde einfache Bezüge anbietet, eine Kunst die wie eine Werbung funktioniert und die auf einen fast augenblicklichen Konsum ausgelegt ist. Kunst ist das Gegenteil von Illustration, Gebrauchsgrafik und Dekoration.

Ich versuche dagegen eine "langsame" Malerei zu entwickeln, entschleunigte Bilder, d.h. dass das Gemälde mit all seinen vielfältigen Aspekten nicht in wenigen Augenblicken der Betrachtung erfasst werden kann. Das Auge des Betrachters/der Betrachterin braucht Zeit, ein vertiefter Blick ist nötig. Auch lebt das Gemälde von den Lichtqualitäten der verschiedenen Tageszeiten, der Lichteinstrahlung und der Lichtbrechung. Man muss sich mit diesen Bildern länger auseinandersetzen, damit leben, um ihre ganze Fülle erfahren zu können. In einem Zeitalter der visuellen Überreizung und des schnellen Konsums mag dies schwierig erscheinen.

Autor: Tristan Rain, Palazzo Balbi Valier, Venedig, April 2003

Copyright: Tristan Rain , 2004