Mensch - Raum - Transformationen - Wahrnehmung
Wahrnehmung
Ein grundlegender Teil meiner Arbeit gilt der Wahrnehmung. Meine malerische
und fotografische Tätigkeit bezieht sich auf die Problematik der unvollständigen
Wahrnehmung des Menschen und darauf, dass seine Erinnerung bloss Bruchstücke
von Erlebtem behält und während der Dauer seines Lebens ein stetiges
Auswählen aus seinen Erinnerungen, Bildern, Gefühlen vollzogen wird.
Dieses Prinzip der Unvollständigkeit findet sich in meiner gesamten Kunstproduktion
und nicht nur innerhalb der Bildtafel, d.h. ihrer inneren Komposition, statt,
sondern wird auch bis zur Aufspaltung des Ausschnittes in mehrteilige Gemälde
oder Fotografien weiter getrieben. Die Intervalle zwischen den Elementen dieser
Polyptychen werden zu unsichtbaren Bildzonen, zu fehlenden, übersehenen,
abwesenden Partien. So wie wir die Welt eben wahrnehmen - bruchstückhaft.
Schichtungen
Der wesentlichste Aspekt meiner künstlerischen und ästhetischen Eingriffe
ist der der Schichtungen, Überlagerungen und Verdeckungen. Schichtungen
im geologischen und materiellen Sinne, wie auch im historischen und im urbanistischen.
In Bezug zur Archäologie und in Bezug zur Erinnerung, mentaler Verschüttungen
und Überdeckungen. Freilegung der Relikte, Vergessen und Zerstörung
der Spuren. Überlappungen und Durchdringen unterer, älterer Schichten.
Im Historischen wie auch im Mnemotechnischen findet ein unaufhörliches
Einschreiben und Auslöschen statt; ein Wahrnehmen und ein Übersehen,
ein Auftauchen und ein Verschwinden. Ständig spielen Oberfläche, Untergrund,
Transparenz und Nichttransparenz eine grundlegende Rolle für den Menschen.
Fragmentierung
"Schöner als etwas Schönes ist die Ruine von etwas Schönem"
(Auguste Rodin). Die Problematik des Unvollkommenen, des Fragmentarischen, des
Bruckstückhaften, des Ausschnitthaften hat mich immer schon interessiert
und durchzieht mein gesamtes Werk.
Material
Die Arbeit an der Materie, der Substanz, der Stofflichkeit spielt eine erhebliche
Rolle in meinem Werk: Öle und Ei auf unterschiedlich behandelten Untergründen
in Leinen, Baumwolle, Holztafeln, Pavatex, Glasfasergewebe. Die Farbe entsteht
in komplizierten Mischungen, wird strukturiert und oft angereichert: Quarzsand,
Marmorpulver, Schuppen verschiedener Fischarten, Menschenhaar, Zeitungspapier,
Toilettenpapier, Metallstaub, Glasstaub, usw. Spuren der Zivilisation, die jedoch
nicht in ihrem Erstzustand sichtbar bleiben, sondern verarbeitet werden und
in einem Werk der Schönheit ihren unerwarteten Platz finden.
Kontraste
Meine Kunst arbeitet in erster Linie mit der Steigerung der Kontraste, mit Konfrontationen,
Gegenüberstellungen, Montagen, Proportionen. Ich arbeite mit der Spannung
zwischen dem menschlich Organischem und abstrakten Farbflächen. Zwischen
einem komplexen und trügerischen Perspektivensystem von Schein-Räumen
und Flächigkeit. Die Abbildung des Menschen wird mit der Autonomie der
Farbmasse konfrontiert.
Das Unvorhersehbare
Im formell strengen Rahmen meiner künstlerischen Sprache bahnt sich das
Urprinzip des Lebens seinen Weg: die Reaktion auf das Unerwartete. Der Mensch
scheut keine Anstrengung, um das Unvorhersehbare aus seinem rationalisierten
Leben zu tilgen. Er will vorausblicken und planen können, er hasst Ineffizienz
und Willkür, er will sein Leben und seine Vision der Welt unter Kontrolle
haben. Ist er aber nicht pausenlos dem Zufall und dem Unvorhersehbaren ausgesetzt,
auf das er so geschickt wie nur möglich reagieren muss?
Der Akt der Kreation, der Akt des Malens, steht in stetigem Dialog mit dem Unvorhergesehenen.
Er ist ein Improvisieren in einem Rahmen vorgegebener sich immerwährend
verändernder Anforderungen. Wenn in meiner Arbeitsweise auch der Wille
zur Meisterschaft sehr ausgeprägt ist, beginnt doch jedes Werk mit einem
abrupten unmittelbaren Akt auf der Leinwand. Auf das Unvorhersehbare wird während
der gesamten Bildschaffung stetig reagiert.
Autor: Tristan Rain, Venedig, Palazzo Balbi Valier, April 2003
Copyright: Tristan Rain , 2004