Leeraum | Stille | Enge
Notizen zum Werk von Tristan Rain
von Emmanuel Siety*
In einem früheren Artikel über das malerische Werk von Tristan Rain
ging ich von einer Betrachtung der Werkgruppe Double-Portraits aus und von seinen
Lösungen des Problems des Beibehaltens einer menschlichen Figur in einem
perspektivisch zerborstenen Innenraum. Die Entwicklung des Werkes erfordert
nun, jene Betrachtungen und Analysen weiterzuführen.
In den Double-Portraits ist die Trennung zwischen der Figur und einer "Szene"
noch durchaus klar - wenn auch diese Szene nichts mit einem klassischen dreidimensionalen
Raum gemeinsam hat. Die Figur, zerschunden, erhält ein zweites Gesicht,
eines das ihrem eigenen Kopf zu entwachsen scheint. Man mag da einerseits an
das expressionistische Kabinett des Doktor Caligari von Robert Wiene denken
und andererseits an das verdoppelte Gesicht von Bibi Andersson und Liv Ullmann
in Persona von Ingmar Bergman. Das psychische Innenleben scheint hier den Schädel
gespalten zu haben und dem Kopf entstiegen zu sein - der Mensch offenbart sich
als rätselhafte siamesische Existenz.
Wenn in den Werkgruppen Rapports humains und Rituels der Mensch weiterhin im
Zentrum steht, so handelt es sich bei diesen Werken eher um seine organische
Verinnerlichung. Eine neue Figur erscheint in Tristan Rains Gemälden: Es
geht um ein scharf geschnittenes menschliches Schattenbild, welches vollflächig
von tiefem Grün und rot geädert ist. Diese Silhouette begegnet einer
Figur mit grau-blauer Haut, einer unverletzten Figur. Sie scheint abwesend zu
sein, kaum betroffen von der physischen Realität, die sie durchquert -
einem Phantom ähnlich. Diese Figur scheint ein Wiederaufleben der antiken
"Muskelfigur", dieser verunsichernden Figur barocker Anatomielehrbücher
zu sein. Nicht liegend, wie Rembrandts autopsierter Leichnam, sondern stehend
und mit seiner hängenden Haut in den Händen, erscheint uns diese Gestalt
nun. Diese Enthüllung des Körperinneren mit seinem komplexen System
an Blutgefässen, Arterien und Venen, seinem Nervensystem und seinen Muskelsträngen,
die den Körper durchqueren. Diese Präsentation des Inneren vollbringt
Tristan Rain auf der Bildoberfläche selbst.
Seine Gemälde sind reich bearbeitet und strukturiert sowohl im Bilduntergrund
(Grundierungen, Untermalungen) in der pastosen Farbmasse als auch an der Oberfläche.
Das Tieferliegende ist nicht weniger wichtig als die Bildoberfläche. Schon
der Titel der Werkgruppe Images sédimentaires weist unmissverständlich
auf diese geologische und archäologische Dimension seiner Arbeiten hin.
Beim physisch in eine Farbmasse oder metaphorisch Vergrabenen handelt es sich
um anonyme Zivilisationsfragmente, um Elemente der menschlichen Geschichte,
welche sich in der einen oder anderen Weise an der Bildoberfläche bemerkbar
machen. Malen bedeutet für Tristan Rain weder verbergen noch überdecken.
In gewissen Tafeln kommt es sogar vor, dass ein Stück rohe, völlig
unbearbeitete Leinwand sichtbar bleibt (zum Beispiel im Zyklus Visions/Agitations
in der Komposition E-02).
Der Untergrund der Gemälde von Tristan Rain ist aktiv. Oftmals werden je
nach Standpunkt des Betrachters oder je nach Lichteinstrahlung unterschiedliche
Glanz- bzw. Mattwerte sichtbar. Untermalungen, gezielt überdeckte untere
Farbschichten beeinflussen die Farbwiedergabe oder die Lichtabsorption der Oberfläche.
Indizien und Spuren finden sich in der Farbmasse – Menschenhaar, Glas-
und Metallstaub – und erinnern uns an einen weiteren Prozess der Schichtung,
jener der Geschichte. Wir kennen die Zeit und unsere eigene Geschichte bloss
bruchstückhaft, fragmentarisch.
Es handelt sich durchaus um eine bruchstückhafte, unterbrochene, mangelhafte
Wahrnehmung, die in diesem Werk inszeniert wird. Sehr anschaulich ist dies nur
schon durch die Kompositionsweise der Gemälde in Polyptychen (vertikale
Triptychen bzw. Diptychen oder horizontale Triptychen wie bei der Série
K). Die einzelnen Elemente können nicht als alleinstehende unabhängige,
bloss mit den anderen Elementen korrespondierende Bilder betrachtet werden.
Man kann sich diese Polyptychen vielmehr als eine durchgehende Tafel mit Zonen
der Leere vorstellen. Diese Fragmente der Leere unterbinden jedoch die formelle
und materielle Verbindung zwischen den einzelnen Paneelen in keiner Weise. Im
Zyklus Visions/Agitations überrascht uns das Übergreifen von farblich
oder textuell ausgeprägten Zonen von einer Paneele auf die andere. Diese
Übergriffe stören durch die daraus resultierende Disymmetrie und hinterfragen
unsere Gewohnheit der kompositorischen Ausgewogenheit des traditionellen Triptychons.
Visions/Agitations überbrückt ein rätselhaftes "gebogenes
Rohr" die Intervalle des Leerraumes, unterbricht sich mitten in einem Paneel,
um sich am Rande eines anderen fortzusetzen (Komposition B-12). Oder aber seine
Proportionen werden von einem anderen Bildelement auf einer anderen Tafel aufgenommen
und weitergeführt (Komposition B-08). Doch weshalb nennen wir diese einfache
geometrische Figur "gebogenes Rohr", wo doch nichts darauf hinweist,
dass diese Form eine räumliche Ausdehnung aufweist? Es handelt sich ja
mit aller Offensichtlichkeit nicht um die Abbildung eines Rohres. Wir denken
vielleicht an ein Rohr, weil ein Bezug zwischen der Funktion dieses Bildelementes
und der Natur denkbar ist. Dieses Element erinnert auch an die Formensprache
von Schemen elektronischer Kreisläufe, deren feine Linien verschiedene
elektronische Zellen und Zentren miteinander verknüpfen. Dieses "gebogene
Rohr" gleicht einer solchen Verbindung eines Kreislaufes, das nicht aufhört,
sich mit anderen Elementen zu verknüpfen und sich immer weiter zu verdichten.
Das Auftauchen und Verschwinden des "gebogenen Rohres" innerhalb der
gleichen Tafeln lässt uns verstehen, dass das Intervall zwischen zwei Tafeln
eines Polyptychons eine "Zone der Leere" ist. Es wäre jedoch
zu einfach daraus zu schliessen, dass die Tafel selbst also eine "Zone
der Fülle" wäre. Leerraum, Stille, Öffnung, Zwischenraum
sind Bestandteile auch der nur aus einem einzigen Element bestehenden Gemälde,
zum Beispiel die Werkgruppen Probabilité encalminée oder Le Couloir
de Nuit.
Die Figuren in Tristan Rains Bilder können sich auch positiv bilden, durch
ein Übermass an Materie. Entweder durch radikale physikalische Eingriffe
in die frische, dicke Farbschicht oder durch fortschreitendes Erlöschen/Auftauchen
der menschlichen Figur unter einer langsam verlöschenden Farbspur eines
breiten trockenen Pinsels, die den Körper zunehmend freigibt oder verbirgt.
Die Figur wird zunehmend unsichtbar, bleibt jedoch physisch präsent (zum
Beispiel im Zyklus Dialogues).
Es existieren im Werk von Tristan Rain spezielle Elemente, die man als "Signalisierung"
bezeichnen könnte. Neben der gehäuteten "Muskelfigur" erscheinen
besonders im Zyklus Dialogues alleinstehende Organe, die wohl als Piktogramme
zu lesen sind: ein Auge (Organ/Symbol der Sicht, der Wahrnehmung), ein Mund
mit blutrot bemalten Lippen (erotisiertes Organ/Symbol der Sprache, der Kommunikation,
der Sinnlichkeit). Im Zeitalter als die Semiologie begann, die Werkzeuge der
Linguistik auf das Studium der Kunstwerke anzuwenden, und im besonderen auf
den Film, erinnerte Pasolini daran, dass die "Minimaleinheit" des
Filmes nicht das Aufnahmebild sei, sondern jedes einzelne Element der Wirklichkeit,
das, einmal gefilmt, sich mit anderen erst zum Aufnahmebild verbindet.
Es ist offensichtlich, dass in den Werken von Tristan Rain die Arbeit der Montage
viel weiter reicht als das blosse Kombinieren von einzelnen Paneelen zum Polyptychon.
Man findet von einer Paneele zur anderen die gleichen Bildelemente wieder (das
"gebogene Rohr" zum Beispiel) und die gleichen syntaktischen Einheiten
(die pastosen, schwarzen, gerillten Rechtecke, die feingekämmten, mattglänzenden,
schwarzen Flächen, das dünnflüssige, dunkle Blau mit dunkeln
Fliessspuren, grauweisse Rollladenflächen, das rotmarbrierte Grün
der "Muskelfigur"). Diese starren Einheiten erscheinen in jedem Bild
neu angewendet und komponiert und werden gemäss den neuen Umständen
neu verwendet.
Die Effizienz dieser strukturellen Organisation kommt vielleicht daher, dass
sie meist mit einem unkontrollierten Energieausbruch, einer gewaltvollen Gestik
nahe dem Action painting konfrontiert wird. Neben Zonen, die eine perfekte technische
Meisterschaft des Künstlers voraussetzen und eine strenge Beherrschung
der Materie, stösst man auf Zonen völliger Turbulenz, auf zerwühlte
Farbnester, auf geworfene Farbe - auf ein Urchaos. In einigen Werken haben diese
Zonen keine klare Eingrenzung und gefährden das geometrische Gleichgewicht
des Kunstwerkes. In anderen Gemälden sind diese Zonen beschnitten, eingegrenzt
und streng in die Komposition eingebunden. Es sind Ausschnitte die Grenzen durchbrechen,
wie die Aufzeichnung eines Schreis, von dem man nur eine kurze Sequenz vernimmt.
Die Wahl von extremen oder für den Künstler sehr einengenden bw. unangenehmen
Bildformaten (177 cm Höhe auf 25 cm Breite, d.h. Tafeln, die mehr als sieben
Mal länger sind als breit), wie wir sie in den Polyptychen-Zyklen Dialogues
oder Torse lent finden, ist ein nicht zu unterschätzender Bestandteil einer
Arbeit der Kompression, der Intensivierung, der Konzentration.
Jedes Werk unterteilt sich in unterschiedliche Energiezonen, in Zentren verschiedener
Intensivität. Die Energien sind komprimiert und in einem streng beschränkten
Rahmen eingeschlossen. Sie zirkulieren verdeckt von einer Region des Bildes
zur anderen. Oft sprengen sie diesen einengenden Rahmen.
Man erlebt als Betrachter dieser Gemälde eine grosse Spannung, die aus
der Dialektik zwischen rationaler Kontrolle und triebhafter Entfesselung hervorgeht.
Sowie aus dem Willen, weder das eine noch das andere Extrem dominieren zu lassen.
Dies führt zu einer Malerei auf Messersschneide. Sie ist immer dem Kippen
nahe. Es ist nicht erstaunlich, dass ein Ausspruch, wie das nachfolgende, von
Novalis beeinflusste Zitat des Pianisten Alfred Brendel bei Tristan Rain auf
Anerkennung stösst: "Im Kunstwerk muss das Chaos durch den Flor der
Ordnung schimmern. Ich bin dem Chaos, das heisst dem Gefühl sehr zugetan,
doch nur der Schleier der Ordnung führt zum Kunstwerk, nur dieser ermöglicht
es".
Autor: *Emmanuel Siety ist Doktor der Filmästhetik. Er hält regelmässig Vorlesungen an der Cinémathèque Française in Paris und hat einen Lehrauftrag an der Universität Lyon. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Veröffentlichungen. Unter anderem erschien "Le Plan. Au commencement du cinéma" (Verlag Les Cahiers du Cinéma 2001). Paris, July 2003 (Übersetzung Oktober 2003).
Copyright: Tristan Rain , 2003